mondblume

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UNWESEN UND TREIBEN VERWIRRTER ENGEL
in: DER GESTIEFELTE STERN (Zürich, Strassburg und Paris 1924-1927)

Die fahnenflüchtigen Engel summen wie Schnee.
Willkommen in der neuen Welt!
Wie durch Fässer ohne Boden
springen sie strahlend der Länge nach einer durch den andern,
zersägen die Blitze auf dem Sägebock,
befreien die gefesselten Blumen
und werfen die Steine in das Meer.
Die Steine klammern sich verzweifelt an ihre Lunge
wie die schiffbrüchigen Silben an die Blätter der grünen Addition.
Hinter einer Barrikade von Liederbüchern rufen die Engel Trumpf,
nehmen sich bei den behandschuhten Händen,
schlafen auf vierbeinigen Flüssigkeiten ein
und verwandeln sich in einen kreisrunden Seelenlappen,
der eine Nasenlänge über die Unendlichkeit hinausragt
und sich im atheistischen Schnürboden als Körper ohne Namen vorstellt.
So stehen die Dinge im Jahre Eins.
Im Jahre Zwei hört die Flucht der Fahnen auf.
Der Ruf: „Willkommen in der neuen Welt“
ertönt nur noch bei ritschratschrituellen Handlungen,
zum Beispiel, wenn ein Topf voll Zeit vom Herd der Welt genommen wird.
Im Jahre Drei ist die neue Welt alt geworden.
Die Engel paginieren ihre Flügel
und wollen wie eine Masse vasenhäutigen Scholarenwindes verduften.
Dieser Duft wird jedoch von einem gewissen stärkeren Duft so gewaltig überduftet,
dass die Engel dabei in zwei gleich große kalte Portionen zerfallen,
die schwarze Farbe bekennen,
dem „im Namen“ das „Amen“
und dem Anfang vom Gesang den Schluss vom Lied folgen lassen,
während im ungebadeten Urtext
schließlich die Engel an die Deichseln der Sterne gespannt werden
und mit dem Wahngebilde auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

von Hans Arp
aus: Wortträume und schwarze Sterne. Auswahl aus den Gedichten der Jahre 1911-1952. Limes Verlag Wiesbaden/ München.

May 7th, 2012

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Die Meere sind Blumen. Die Wolken sind Blumen. Die Sterne sind Blumen, die im Himmel blühen. Der Mond ist eine Blume. Der Mond ist aber auch eine grosse Träne. -Jean Arp
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