mondblume

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HALB REH HALB MÄDCHEN
in: DIE UNGEWISSE WELT (1939-1945 – Im Hoffnungslosen)

Ein nacktes träumendes Geschöpf,
halb Reh, halb Mädchen,
lässt sich unter einem alten morschen Baume
in meinem träumenden Garten nieder.
Das nackte träumende Geschöpf,
halb Reh, halb Mädchen,
vertraut dem alten morschen Baume an,
dass die Augen nie erlöschen,
dass die Sterne nie verglühen,
dass die Erde der Himmel sei.
Und der alte morsche Baum
beginnt zu grünen und zu blühen.

von Hans Arp
aus: Wortträume und schwarze Sterne. Auswahl aus den Gedichten der Jahre 1911-1952. Limes Verlag Wiesbaden/ München.

Leave A Comment. May 14th, 2012

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UNWESEN UND TREIBEN VERWIRRTER ENGEL
in: DER GESTIEFELTE STERN (Zürich, Strassburg und Paris 1924-1927)

Die fahnenflüchtigen Engel summen wie Schnee.
Willkommen in der neuen Welt!
Wie durch Fässer ohne Boden
springen sie strahlend der Länge nach einer durch den andern,
zersägen die Blitze auf dem Sägebock,
befreien die gefesselten Blumen
und werfen die Steine in das Meer.
Die Steine klammern sich verzweifelt an ihre Lunge
wie die schiffbrüchigen Silben an die Blätter der grünen Addition.
Hinter einer Barrikade von Liederbüchern rufen die Engel Trumpf,
nehmen sich bei den behandschuhten Händen,
schlafen auf vierbeinigen Flüssigkeiten ein
und verwandeln sich in einen kreisrunden Seelenlappen,
der eine Nasenlänge über die Unendlichkeit hinausragt
und sich im atheistischen Schnürboden als Körper ohne Namen vorstellt.
So stehen die Dinge im Jahre Eins.
Im Jahre Zwei hört die Flucht der Fahnen auf.
Der Ruf: „Willkommen in der neuen Welt“
ertönt nur noch bei ritschratschrituellen Handlungen,
zum Beispiel, wenn ein Topf voll Zeit vom Herd der Welt genommen wird.
Im Jahre Drei ist die neue Welt alt geworden.
Die Engel paginieren ihre Flügel
und wollen wie eine Masse vasenhäutigen Scholarenwindes verduften.
Dieser Duft wird jedoch von einem gewissen stärkeren Duft so gewaltig überduftet,
dass die Engel dabei in zwei gleich große kalte Portionen zerfallen,
die schwarze Farbe bekennen,
dem „im Namen“ das „Amen“
und dem Anfang vom Gesang den Schluss vom Lied folgen lassen,
während im ungebadeten Urtext
schließlich die Engel an die Deichseln der Sterne gespannt werden
und mit dem Wahngebilde auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

von Hans Arp
aus: Wortträume und schwarze Sterne. Auswahl aus den Gedichten der Jahre 1911-1952. Limes Verlag Wiesbaden/ München.

Leave A Comment. May 7th, 2012

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DIE EBENE
in: DIE UNGEWISSE WELT (1939-1945)

Ich befand mich allein mit einem Stuhl auf einer Ebene,
die sich in einen leeren Horizont verlor.
Die Ebene war fehlerlos asphaltiert.
Nichts, aber auch gar nichts außer mir und
dem Stuhl befand sich auf ihr.
Der Himmel war immerwährend blau.
Keine Sonne belebte ihn.
Ein unerklärliches, vernünftiges Licht erhellte die endlose Ebene.
Wie künstlich aus einer anderen Sphäre projiziert,
erschien mir dieser ewige Tag.
Ich hatte nie Schlaf, nie Hunger, nie Durst,
nie heiß, nie kalt.
Da sich nichts auf dieser Ebene ereignete
und veränderte,
war die Zeit nur ein abwegiges Gespenst.
Die Zeit lebte noch ein wenig in mir,
und dies hauptsächlich wegen des Stuhles.
Durch meine Beschäftigung mit ihm verlor
ich den Sinn für Vergangenes nicht ganz.
Ab und zu spannte ich mich, als sei ich ein
Pferd, vor den Stuhl
und trabte mit ihm bald im Kreis, bald
gerade aus.
Dass es gelang, nehme ich an,
ob es gelang, weiß ich nicht,
da sich ja im Raume nichts befand,
an dem ich meine Bewegung hätte nachprüfen
können.
Saß ich auf dem Stuhl, so grübelte ich
traurig, aber nicht verzweifelt,
warum das Innere der Welt ein solches schwarzes
Licht ausstrahlte.

von Hans Arp
aus: Wortträume und schwarze Sterne. Auswahl aus den Gedichten der Jahre 1911-1952. Limes Verlag Wiesbaden/ München.

Leave A Comment. April 30th, 2012
ohne Titel

Neue Version mit Original-Standuhr!

SEKUNDENZEIGER
in: DER PYRAMIDENROCK (Zürich 1915-1924)

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dass ich als ich
ein und zwei ist
dass ich als ich
drei und vier ist
dass ich als ich
wieviel zeigt sie
dass ich als ich
tikt und takt sie
dass ich als ich
fünf und sechs ist
dass ich als ich
sieben acht ist
dass ich als ich
wenn sie steht sie
dass ich als ich
wenn sie geht sie
dass ich als ich
neun und zehn ist
dass ich als ich
elf und zwölf ist.

von Hans Arp
aus: Wortträume und schwarze Sterne. Auswahl aus den Gedichten der Jahre 1911-1952. Limes Verlag Wiesbaden/ München.

Leave A Comment. April 30th, 2012

Jetzt arbeiten wir an einem Album mit Gedichten von Hans Arp.

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Sophie
Basel 1943-1945

Die Herzen sind Sterne,
die im Menschen blühen.
Alle Blumen sind Himmel.
Alle Himmel sind Blumen.
Alle Blumen glühen.
Alle Himmel blühen.
.
Ich spreche kleine, alltägliche Sätze
leise für mich hin.
Um mir Mut zu machen,
um mich zu verwirren,
um das große Leid, die Hilflosigkeit,
in der wir leben, zu vergessen,
spreche ich kleine, einfältige Sätze.
.
Die Meere sind Blumen.
Die Wolken sind Blumen.
Die Sterne sind Blumen,
die im Himmel blühen.
Der Mond ist eine Blume.
Der Mond ist aber auch eine große Träne.
.
Alle Blumen blühen für dich.
Alle Herzen glühen für dich.
.
Ich spreche kleine, einfältige Sätze
leise für mich hin,
immerfort für mich hin.
Ich spreche kleine, alltägliche, geringe Sätze.
Ich spreche wie die geringen Glocken,
die sich wiederholen und wiederholen.
.
Sophie ist ein Himmel.
Sophie ist ein Stern.
Sophie ist eine Blume.

Alle Blumen blühen,
blühen für dich.
Alle Herzen glühen,
glühen für dich.

Nun bist du fortgegangen.
Was soll ich hier gehen und stehen.
Ich habe nur ein Verlangen.
Ich will dich wiedersehen.
.
Wir zogen hell
durch Glanz und Duft.
Nun tut das Licht mir weh
und niemand ruft
und zeigt mir eine Blume
oder einen Stern.
.
Es blüht im Himmelsgrund
zwischen Dunkelheit und Licht
strahlend wie ein Stern
dein gütiges Gesicht.
.
Du bist ein Stern
und träumst in Gottes lichter Blume.
Ich mag nicht weitergehen.
Ich will auch schlafen.
So wie du schläfst
in Gold und tiefer Ferne
in einem reinen Wiegen.
.
Verloren wie der alte Mond,
der schon viel tausend Jahre stirbt,
ist dieser arme Tränenmensch,
der um die tote Rose wirbt.
.
Wie schnell vergeht ein Leben
in Gottes lichtem Dunkel.
Kaum ist heute gesagt,
ist morgen schon vergangen.
Und so vergehen die Jahre
mit Spielen, Träumen, Säumen.
Und so vergeht die Zeit,
in der die Blumen schweben.
.
Wann blühen wir wieder
vereint an Gottes lichtem Strauch?
Wann ruhe ich für immer
in deinem reinen Hauch?
.
Du lächeltest,
um nicht zu weinen.
Du lächeltest,
als würden lange noch
die guten Tage scheinen.
Deine Flügel glänzten
wie junge Blätter.
Dein Gesicht
war ein weißer Stern.
.
Seitdem du gestorben bist,
danke ich jedem vergehenden Tag.
Jeder vergangene Tag
bringt mich dir näher.
.

von Hans Arp
aus: Wortträume und schwarze Sterne. Auswahl aus den Gedichten der Jahre 1911-1952. Limes Verlag Wiesbaden/ München.

Leave A Comment. April 23rd, 2012
Eden brennt

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Nächtens will ich mit dem Engel reden

Nächtens will ich mit dem Engel reden,
ob er meine Augen anerkennt.
Wenn er plötzlich fragte: Schaust du Eden?
Und ich müsste sagen: Eden brennt

Meinen Mund will ich zu ihm erheben,
hart wie einer, welcher nicht begehrt.
Und der Engel spräche: Ahnst du Leben?
Und ich müsste sagen: Leben zehrt

Wenn er jene Freude in mir fände,
die in seinem Geiste ewig wird, -
und er hübe sie in seine Hände,
und ich müsste sagen: Freude irrt

von Rainer Maria Rilke

+

Lautespielender Engel

Stimme des Engels:

Sprich mich nicht an! Ich kann dir nichts erwidern.
Ich höre nur der Laute Lobgesang.
Ich hab ein Amt, begreif: den heilgen Liedern
Zu dienen, Klang bei Klang.

Doch fürchte nichts! Denn über allen Worten
Und allem, was geschieht und je geschah
Klingt dieser Ton und tönt an allen Orten.
Wags und stimm ein, und du bist ganz mir nah.

von Albrecht Goes

Leave A Comment. April 9th, 2012

Die toten Engel

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Sucht doch, sucht doch nach ihnen:
in der Schlaflosigkeit der vergessenen Wasserröhren,
in den Rinnsalen, abgewürgt vom Schweigen des Abfalls,
nicht weit von Pfützen, zu klein, eine Wolke zu beherbergen
oder ein Paar verlorener Augen,
einen zerbrochenen Ring
oder einen zertretenen Stern.

Denn ich hab sie gesehen,
in manchen Trümmerfeldern, plötzlich, im Nebel,
denn ich hab sie berührt,
im Exil eines abgestorbenen Ziegels,
eingegangen ins Nichts, von einem Turm herab oder von einem Karren.

Nie sind sie fern, wenn ein Schornstein zusammenbricht.
Bei den zähen Blättern, die sich an die Schuhe heften, halten sie sich auf.

Überall dort,
aber auch in jenen verstreuten Spänen, die ohne Feuer verdorren,
in jenen verfallnen Abwesenheiten, an denen wacklige Möbel leiden,
unfern der Namen und Ziffern, die an den Wänden erkalten.

Sucht doch, sucht doch nach ihnen:
unter dem Wachstropfen, der das Wort begräbt in einem Buch,
oder der Unterschrift auf einem der Briefschnitzel,
die der Staub mit sich herumschleift,
ganz in der Nähe eines verlorenen Flaschenscherbens,
einer alten, verirrten Schuhsohle im Schnee,
eines Rasiermessers, ausgesetzt am Rand eines Abgrunds.

von Rafael Alberti

Leave A Comment. April 2nd, 2012
Bücher fallen unausweichlich

In der Bibliothek
für octavio

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Es gibt ein Buch, das heisst
Die Enzyklopädie der Engel.
Fünfzig Jahre lang hat es niemand geöffnet.
Das weiss ich genau, denn als ich es aufschlug,
knackte es in den Deckeln, und die Seiten
fielen auseinander. Dort entdeckte ich,dass die Engel einst zahlreich waren
wie die Unterarten der Fliegen.
In der Dämmerung wimmelte
der Himmel von ihnen.
Man musste mit den Armen rudern,
um sie abzuhalten.

Jetzt scheint die Sonne
durch die hohen Fenster.
Die Bibliothek ist ganz still.
Engel und Götter lauern
in dunklen, nie geöffneten Büchern.
Das grosse Geheimnis steht
auf irgendeinem Regal, und Miss Jones
geht dreimal am Tag daran vorbei.

Sie ist so gross, dass sie den Kopf
immer seitwärts beugt, als lauschte sie.
Die Bücher flüstern.
Ich höre nichts, sie aber versteht alles.

von Charles Simic

Leave A Comment. March 12th, 2012
Vorgefühl

Vorgefühl

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Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muß sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

Aus “Das Buch der Bilder” (1902 und 1906) von Rainer Maria Rilke.

Leave A Comment. January 30th, 2012
Face on wall

Wir überlegen, ein neues Programm aufzubauen. Heute haben wir uns in Rilke-Gedichten ausprobiert…
Die Ergebnisse finden wir sehr spannend:

Der Schutzengel

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Du bist der Vogel, dessen Flügel kamen,
wenn ich erwachte in der Nacht und rief.
Nur mit den Armen rief ich, denn dein Namen
ist wie ein Abgrund, tausend Nächte tief.
Du bist der Schatten, drin ich still entschlief,
und jeden Traum ersinnt in mir dein Samen, –
du bist das Bild, ich aber bin der Rahmen,
der dich ergänzt in glänzendem Relief.

Wie nenn ich dich? Sieh, meine Lippen lahmen.
Du bist der Anfang, der sich groß ergießt,
ich bin das langsame und bange Amen,
das deine Schönheit scheu beschließt.

Du hast mich oft aus dunklem Ruhn gerissen,
wenn mir das Schlafen wie ein Grab erschien
und wie Verlorengehen und Entfliehn, –
da hobst du mich aus Herzensfinsternissen
und wolltest mich auf allen Türmen hissen
wie Scharlachfahnen und wie Draperien.

Du: der von Wundern redet wie vom Wissen
und von den Menschen wie von Melodien
und von den Rosen: von Ereignissen,
die flammend sich in deinem Blick vollziehn, –
du Seliger, wann nennst du einmal Ihn,
aus dessen siebentem und letztem Tage
noch immer Glanz auf deinem Flügelschlage
verloren liegt…
Befiehlst du, dass ich frage?

Die Engel

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Sie haben alle müde Münde
und helle Seelen ohne Saum.
Und eine Sehnsucht (wie nach Sünde)
geht ihnen manchmal durch den Traum.

Fast gleichen sie einander alle;
in Gottes Gärten schweigen sie,
wie viele, viele Intervalle
in seiner Macht und Melodie.

Nur wenn sie ihre Flügel breiten,
sind sie die Wecker eines Winds:
als ginge Gott mit seinen weiten
Bildhauerhänden durch die Seiten
im dunklen Buch des Anbeginns.

Eingang

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Wer du auch seist: am Abend tritt hinaus
aus deiner Stube, drin du alles weißt;
als letztes vor der Ferne liegt dein Haus:
wer du auch seist.
Mit deinen Augen, welche müde kaum
von der verbrauchten Schwelle sich befrein,
hebst du ganz langsam einen schwarzen Baum
und stellst ihn vor den Himmel: schlank, allein.
Und hast die Welt gemacht. Und sie ist groß
und wie ein Wort, das noch im Schweigen reift.
Und wie dein Wille ihren Sinn begreift,
lassen sie deine Augen zärtllich los…

Aus “Das Buch der Bilder” (1902 und 1906) von Rainer Maria Rilke.

Leave A Comment. September 17th, 2011

Die Meere sind Blumen. Die Wolken sind Blumen. Die Sterne sind Blumen, die im Himmel blühen. Der Mond ist eine Blume. Der Mond ist aber auch eine grosse Träne.
Hans Arp

mondblume

Gunilla Göttlicher & Leo Auri